Ein Tag, vier Blickwinkel
Teil I · Kapitel 2. Zweimal derselbe Montag an der Lindenschule. Derselbe Unterricht, dieselben Lehrkräfte — nur anders angeordnet. Wer diesen Unterschied einmal nachempfunden hat, schaut beim Planen mit anderen Augen.
Lena, 12 Jahre, Klasse 7a
Lena hat montags fünf Stunden: Mathematik, Deutsch, Englisch, Musik und Sport. Ihr Bus fährt um 12:20 Uhr und um 13:10 Uhr, danach erst um 14:05 Uhr.
Der schlechte Montag
| Stunde | Was | Wie es sich anfühlt |
|---|---|---|
| 1. | Sport, Halle | Um 8 Uhr, noch halb im Schlaf, in die kalte Halle. Danach verschwitzt in den Tag. |
| 2. | Mathematik | Die Klasse braucht eine Weile, bis sie wieder bei der Sache ist. Frau Graf beginnt zehn Minuten später als geplant. |
| 3. | — frei | Eine Stunde auf dem Flur. Niemand ist zuständig. Es wird laut. |
| 4. | Englisch, Haus B | Das Klassenzimmer ist belegt, also quer über den Hof. Die Pause reicht knapp. |
| 5. | Deutsch | Zurück ins Klassenzimmer. |
| 6. | Musik, Haus C | Noch einmal umziehen, der Ranzen ist schwer. Die Stunde endet um 13:05 Uhr — am anderen Ende des Geländes. |
Lena braucht zehn Minuten bis zur Haltestelle. Der Bus um 13:10 Uhr ist weg. Sie wartet bis 14:05 Uhr.
Der gute Montag
| Stunde | Was | Wie es sich anfühlt |
|---|---|---|
| 1. | Mathematik | Ausgeschlafen und frisch. Der neue Stoff hat Platz. |
| 2. | Deutsch | Im selben Raum, im selben Rhythmus. |
| 3. | Englisch | Weiter im Klassenzimmer. Nach der grossen Pause sind alle wieder da. |
| 4. | Musik, Haus C | Ein Weg am Tag — in der grossen Pause davor. |
| 5. | Sport, Halle | Bewegung zum Schluss. Danach umziehen und nach Hause. |
Lena ist um 12:15 Uhr fertig und nimmt den Bus um 12:20 Uhr.
Was hat sich geändert? Nicht die Fächer. Nicht die Lehrkräfte. Nur die Reihenfolge, die Räume und die Lücke. Ein guter Plan kostet keine einzige Lehrerstunde mehr — nur Sorgfalt.
Herr Okafor, Sport und Biologie, halbe Stelle
Herr Okafor arbeitet dienstags bis donnerstags. Montags und freitags pflegt er seine Mutter.
Der schlechte Dienstag
| Zeit | Was |
|---|---|
| 1. Stunde | Biologie 7a |
| 2.–4. Stunde | frei — zu kurz, um nach Hause zu fahren, zu lang, um sinnvoll zu warten |
| 5. Stunde | Sport 9c |
| 6. Stunde | Sport 11b |
Sechs Stunden in der Schule für drei Stunden Unterricht. Und weil seine freien Tage nie eingetragen wurden, liegt eine Stunde der 8a auf Montag — jede Woche fällt sie aus oder wird vertreten.
Der gute Dienstag
| Zeit | Was |
|---|---|
| 1. Stunde | Biologie 7a |
| 2. Stunde | frei — Zeit, die nächste Stunde vorzubereiten |
| 3. Stunde | Sport 9c |
| 4. Stunde | Sport 11b |
Um 11:30 Uhr ist er auf dem Heimweg und zu Hause, wenn seine Mutter ihn braucht. Wer so arbeiten kann, bleibt eher gesund — und der Schule eher erhalten.
Was hat sich geändert? Seine freien Tage sind eingetragen. Seine Stunden liegen beieinander. Eine einzelne freie Stunde zur Vorbereitung ist ein Geschenk; drei verstreute sind eine Last.
Frau Petersen, Sekretariat
Am schlechten Montag
- Um 7:50 Uhr ruft die Vertretungsplanung an: Montags fehlt Herr Okafor — wie jede Woche.
- Um 10:40 Uhr steht die 7a vor dem Sekretariat. Sie hat eine Freistunde, und es regnet.
- Um 13:15 Uhr klingelt das Telefon: Lena hat den Bus verpasst. Ihre Mutter ist bei der Arbeit.
- Die Klassen der Unterstufe enden an diesem Tag zu vier verschiedenen Zeiten. Für jede braucht es eine Aufsicht an der Haltestelle.
Am guten Montag
- Die Klassen der Unterstufe enden zu zwei Zeiten, die zu den Bussen passen.
- Keine Klasse hat eine Freistunde, die beaufsichtigt werden muss.
- Kein Anruf wegen einer Stunde, die jede Woche ausfällt.
Frau Petersen hat Zeit für das, was eigentlich ihre Arbeit ist.
Familie Yilmaz
Lenas Eltern arbeiten beide. Ihr kleiner Bruder geht in die 2. Klasse.
- Im schlechten Plan ändert sich der Plan im Oktober noch einmal, weil eine Lehrkraft fehlt, und im Februar wieder. Jedes Mal muss die Familie die Abholung neu organisieren. Lena hat montags bis 13:05 Uhr und kommt erst um 14:30 Uhr nach Hause.
- Im guten Plan steht der Plan im August und hält bis zum Sommer. Die Geschwister haben an den meisten Tagen ähnliche Schlusszeiten. Die Familie kann sich darauf verlassen.
Und die, die man nicht sieht
- Der Hausmeister braucht die Halle Freitag ab 14 Uhr für die Reinigung. Liegt dort Sport, wird es eng.
- Die Mensa kann 200 Essen in einer halben Stunde ausgeben, nicht 400. Enden alle Klassen gleichzeitig, wartet die Hälfte.
- Die Schulbegleitung eines Kindes mit Förderbedarf wechselt mit ihm jeden Raum. Jeder Raumwechsel ist für dieses Kind eine Hürde.
Was wir daraus lernen
Derselbe Unterricht kann sich wie ein guter Tag oder wie ein Hindernislauf anfühlen. Der Unterschied liegt in ein paar Fragen, die man beim Planen stellt:
- Wann im Tag lernt man was am besten?
- Wo entstehen Lücken, und wer füllt sie?
- Wie viele Wege muss ein Kind gehen?
- Kann eine Lehrkraft an ihren Tagen zusammenhängend arbeiten?
- Wann enden die Tage, und passt das zum Leben draussen — Bus, Mensa, Familie?
- Hält der Plan das ganze Jahr?
Aus diesen Fragen werden im nächsten Kapitel zwölf Grundsätze.